Bildgedanken

Turmbau, Mischtechnik, 2014

Der Bildtypus der Lebensalter ist gut besetzt und reicht von Hans Baldung Grien und Tizian bis Hans von Marees und Gustav Klimt. Im Gegensatz zum Cranach’schen Jungbrunnen durchläuft der Mensch seine Weltenzeit von der Geburt über das Werben und Streben bis zum Tod von links nach rechts und ohne jegliche Art einer möglichen Rückwendung. Dieses Gemälde ist also das Curriculum vitae als eine Art Bildbiografie.

Die sich hier wandelnde Person erzählt das Leben des Arztes und Implantologen in einem lichten Gartensaal mit roter Außenwand und gefliestem Boden, der direkt in die Terrasse übergeht. An sie schließt sich ein geräumiger Rasenplatz an, der von einem breiten Laubwald gesäumt wird

Zuerst sehen wir den am 27. März 1951 in Halle geborenen Wolfram Knöfler als Kind auf dem Boden sitzen. Doch bald wächst er über sich hinaus, besucht in Leipzig die legendäre Schola Thomana und wird nach dem Abitur gleich zum Studium der Zahnmedizin zugelassen. Wir sehen den schlanken Schönen ganz in Weiß lässig zwischen Wohnung und Welt. Seit 1971 erhält er bei Bernd Hertel (geboren 1940 in Erfurt, Schüler von Heisig und Tübke) auch eine fundierte Ausbildung in den künstlerischen Techniken.

Mit der Approbation geht er 1974 zum aktiven Wehrdienst, allerdings schon als Zahnarzt. Nun sind Wolfgang Speer und Peter Westphal seine Lehrer. Neben zeitrelevanten Linolschnitten gelingt ihm ein basisbezogenes Studium in der Malerei. Diesen jungen Maler sehen wir vor dem Gipfel und mithin in der Mitte des Bildes und auch in der Mitte des Lebens.

Vor ihm am Tisch ist der mit Leidenschaft und Geschick forschende und praktizierende Implantologe. Aus geometrischen Bausteinen und histologischen Formen errichtet er auf dem runden Tisch das Abbild seiner wissenschaftlichen Leistungen.

Neben der eigenen Niederlassung gründet er die Mitteldeutsche Vereinigung für Zahnärztliche Implantologie e.V. Jetzt agiert er also als Referent und Organisator. So sehen wir ihn nun im Anzug und deutlicher Redehaltung. In dieser Situation schweben die später zerplatzenden Seifenblasen und ein artig gefalteter Papierflieger segelt noch einmal auf den Turm zu. Ein zu kleiner Fächerflieger war schon an der Tischkante zum Liegen gekommen. Drei Luftballons steigen auf, doch der erste verfängt sich schon in der Kassettendecke des Raumes.

Rechts im Bild sitzt auf einer Fußbank die letzte Gestalt. Fast ist aller Sand schon durch die linke Hand gerieselt. Und außerhalb der weiß gehöhten Linien wird der Körper schon transparent. Ja selbst durch den Kopf leuchtet der vergoldete Rahmen des zweiten Bildes.

Das Glück im Aufstieg war ihm so hold, dass selbst die Göttin das volle Füllhorn mit dem Schenkel stützen musste. Anders jetzt auf dem rechten Bild. Der Tod kommt als Anonymus und nur die beleuchteten Falten seines übergehangenen Tuches lassen ihn sichtbar werden. Von der Sense ist nur der Sensenbaum zu sehen, eine Parallele zum Malstock auf seinem Vanitas-Gemälde „Resümee“, das im selben Jahr entstand.

Der Maler ordnet den Keilrahmen schon während des Schaffens diesem neoklassizistischen Rahmen zu. Wohl auch bekundend, dass ihm hier ein wichtiges und wesentliches Bild, vielleicht die Spiegelung der Lebensalter, am Herzen lag und auch gelang.

Auf jeden Fall zählt es zu jener Themengruppe, in der er sich vornimmt, einen Prozess durch einzelne eng verknüpfte Episoden sichtbar werden zu lassen. Sie sind jenseits von Abbildungen, bleiben aber für die leichtere Deutbarkeit im ihm gewohnten Realismus.

Wie stets bei seinen herausragenden Gemälden will er seine Sicht dem Betrachter mitteilen, will Erlebtes aus der Alltäglichkeit herausheben, es markieren und kristallisieren im Sujet wie im Malvortrag. Die Folge in diesem Album will dieses Streben des Malers nach Verdichtung des Inhaltlichen und Höhung des Malerischen erlebbar machen.

Resumee, Öl, 2013

Der Künstler führt uns hier in die Commedia dell'arte und schlüpft auch gleich in das Kostüm des Arlecchino. Wolfram Knöfler bespielt seine Bühne aber mit der Härte Brecht’scher Verfremdung. Denn die naive Fröhlichkeit, die Bauernschläue und ständige Lust zum Naschen kann sich in diesem Totenhaus natürlich nicht entwickeln. Nicht einmal ein Apfel findet sich unter den kugeligen Beigaben.

Der Künstler zeigt sich uns en face, um in der direkten Konfrontation mit dem Betrachter das Zwiegespräch der Bildbetrachtung herauszufordern. Die Dunkelheit des Hintergrundes weist mit aller Deutlichkeit auf die Würde des Dargestellten und die bildfüllende Figur ist den Standesbildern der Dürerzeit entlehnt. „Kopf und Kragen“ erinnern an die Ganzfigurenporträts der Superintendenten in den Chören der Hauptkirchen von Hamburg und Leipzig.

Der Künstler steht in einer oberirdischen Grabkapelle. Das Licht fällt durch ein rückwärtiges Fenster und beleuchtet den Harlekin von vorn. Gegenüber sehen wir durch ein rautenverglastes gotisches Fenster in das Grün der Parkanlage. Gedanklich werden wir also nicht in eine dunkle und kaltfeuchte Gruft geführt, sondern wir stehen der Person im ehrwürdigen Mausoleum auf glänzenden Platten aus Naturwerkstein gegenüber. Der Porträtierte lehnt sich an einen Sarkophag mit prächtigen Tatzenfüßen. Die schwere Granitplatte reflektiert ein warmes rotes Licht und unterstützt damit den methaphorischen Gedanken.

Doch im Dunkel des Raumes erkennen wir auch einen Holzpfeiler mit der Maske eines Teufels oder Dämonen. Die eiserne Angel verrät die Tür eines Schrankes, der wohl der Neorenaissance zuzurechnen ist. Dieser Schrank aber befindet sich nicht in einer Grablege sondern im Haus des Malers als markantes Stück seiner Sammlung. Eine dreischellige Narrenkappe liegt auf dem Deckel des Sarges als sei es eine Beigabe für den Toten. Nur formal ist die Parallelität zu den drei Narren und ihren differenzierten Kappen im „Kuöhlbrunnen“ des Malers aus demselben Jahr. Dieses noch heute beliebte Zunftzeichen der Narren steht aber wie eine Ergänzung hinter dem Porträtierten. Die Marotte, das Narrenzepter, ist bedeutungsvoll vor dem Körper des Porträtierten.

Auf den Gemälden „Harlekin“ und „Fastnacht“ von Paul Cezanne finden wir jeweils einen weißen Stab in fallender Linie zum Träger als Marotten-Rudiment. Diese im Griffstück farbig abgesetzte Diagonale bringt Wolfram Knöfler als Malstock analog in seine Komposition sein.

Die Glaskugel ist ein in ihrer puren Beigabe hier deutlich vorgetragenes Vanitas-Symbol. Ähnlich der Seifenblase spiegelt sie die Schönheit des Lebens wider, erinnert aber auch seine Unstete und Vergänglichkeit. Das vom Licht geflutete, es in Teilen auch brechende und den umgebenden Raum auf seiner Oberfläche abbildende konvexe Glas zitiert der Maler in einer Vielzahl seiner Gemälde (Gläser, Hexe und Gnom, Alter Homunculus, Homunculi). Bei der Darstellung von Glaskugel, Tennisball, Malstockknauf und Narrenkappenschellen demonstriert der Künstler seine Möglichkeiten der Materialschilderung. Der Tennisball ist zudem für den tennisbegeisterten Maler die Personifizierung dieses Taumelns zwischen Sieg und Niederlage.

Die hinter der Narrenkappe aufragenden beiden Kopfstützen des Dentalstuhls sind das Symbol für Werkfleiß und Arbeitswelt des niedergelassenen Dentisten. Dieses pars pro toto genügt dem Maler als verschlüsselten Hinweis auf sein breites Wirken in der Implantologie.

Der Rahmen barg einst den gern gehangenen liegenden Elfenreigen aus einem Schlafzimmer vor dem 1. Weltkrieg. Als Geschenk eines Kunstfreundes erfüllt er nun wieder seinen Zweck durch die passgerechte Vermittlung neuen Inhalts.

Welttheater, Mischtechnik, 2012

Eigentlich kennen wir diesen Begriff aus dem Barock. Dort wurde man in eine Rolle dieses Welttheaters geboren und hatte seine Rolle zu spielen. Der Adel erlaubte sich dann sogar den theatralischen Rollenwechsel und spielte eine mehrtägige Bauernhochzeit mit verteilten Positionen.

Dieses Gemälde von Wolfram Knöfler aber ist ein Theater der Neuzeit. Medien, Banken, Firmen, Parteien, "Kultur"bringer engen den Aktionsradius der Mensch-Marionetten ein. Die sind willige und in ihren Handlung fremdgesteuerte Figuren. Selbst der Hang zur eigenständigen Kleidung ist ihnen genommen. Sie agieren nur auf Fadenzug. Ohne Steuerung fallen sie hilflos in sich zusammen. Über Allem schwebt der Adler. Der "Müll" der Geschichte häuft sich zwischen Bühne und Zuschauern auf. Die Köpfe der Betrachter sind von hinten beleuchtet, vielleicht fällt Licht durch die beim Verlassen offen gebliebene Saaltür hinein.

Homunkulus – 2013 – Homunkuli

Die Mediziner denken bei diesem Wort an den in der Phiole erzeugten Erdengast, wie er von Paracelsus 1538 beschrieben wurde. Die Literaten hören das Gespräch von Faust und Mephisto bei Dr. Wagners Menschenzeugung im zweiten Teil von Goethes „Faust“. Seit Rene Descartes sprechen die Philosophen von vermeintlichen Körperpositionen, in denen sich der Geist aufhält. Die heutige Neuroanantomie kennt gleich zwei Homunculi in unserem Gehirn. Doch wir wollen uns auf die hier angesagte Bildbetrachtung konzentrieren.

Der Maler führt uns seine beiden Sichtweisen vor, die wir auch mit Genuss aufgreifen und eine jede für sich interpretieren möchten. Zunächst fällt der Verlust der Retorte als Produktionsstätte auf. Bei den „Homunkuli“ finden wir ein Kugelglas mit eingezogenem Boden und geschliffenem Glasstöpsel. Beim Gegenstück ist es ein etikettiertes Apothekerglas. Nun aber kommen schon die alles bestimmenden Charakteristika.

Die glückliche Variante zeigt uns einen Mann und eine Frau, die nicht nur im Schauglas geschaffen worden. Im Regal des Labors sind attributiv Werkzeuge abgebildet, ein Handzettel der Zellteilung ist quasi als Arbeitsanweisung angepinnt. Doch jetzt, da in sie das Leben eingehaucht wurde, entwickeln sie die Eigendynamik, die den Menschen nun einmal für seine Arterhaltung immanent ist. Und so führen sie das Experiment ad absurdum und übernehmen selbst die Vermehrung.

Die unglückliche Variante des Homunculus antiquus spielt schon nicht mehr im Labor sondern in einer breiten Landschaft. Dort ist das Menschlein schon viel zu lange im Glas und in diesem bereits gealtert. Gesplitterte Baumteile und schattenwerfende Glasperlen sprechen für die vergangene Zeit und den Glücksfaktor bei allen Laborversuchen.

Die Gestaltung des Stofflichen regt den Maler wieder einmal zu Detailschilderungen an. Die Spiegelungen auf den Glasflächen erzählen von der Umgebung, von belaubten grünen Bäumen vor dem Fenster.

Wie stets leben auch diese beiden Gemälde von der Vermittlung von Symbolen zur Übertragung von Botschaften, die der Maler an uns richtet. Es liegt an uns, dafür eigenwillig auch auf Empfang zu schalten und nicht nur die Oberfläche erkennen zu wollen.

Hommage an Heinrich Vogeler, Martha 2, 2013

Das Gemälde ist gleichsam ein Eigenauftrag des Künstlers zur Beteiligung an einer Gedenkausstellung zu Ehren des sich jährenden Geburts- und Todestages von Heinrich Vogeler (1872 – 1942) im Blauen Haus des Kunstvereins Worpswede. Der Künstler malte Vogelers Martha nicht in hoffender Sehnsucht im Profil wie einst der jugendliche Altmeister. Er transformierte sie in unsere Zeit und so erleben wir die schöne Knöfler-Martha selbstbewusst und uns offen zugewandt. Das Thema fesselte den Maler so sehr, dass er gleich noch eine zweite Variante schuf.

Der Meister und Margarita – zu Bulgakow – 2012

Das großformatige Komplexbild von 120 x 200 cm entstand für die Ausstellung „Erinnerungen an Heinrich Vogeler“ im Kunstverein Worpswede und hing im Blauen Haus zusammen mit „Martha 2“. Zuerst ist es natürlich eine Huldigung an den russischen Schriftsteller Michail Bulgakow (1891 – 1940), der von 1928 bis 1940 an diesem epochalen Werk arbeitete. Er schildert das Leben im Stalinistischen Moskau. Es sind also jene Jahre, in denen auch der Maler Vogeler in Moskau lebte und einige Länder der großen Sowjetunion bereiste.

Thematisch ist das Werk Goethes Faust sehr nah, die Figur des Mephisto und sein Spiel mit dem Bösen sind ebenso vordergründig. Im Katalog der Kollektion schreibt der Maler: „Das Fest beim Teufel ist die zentrale Szene: Margarita, Nachfahrin der Königin Margot, im Hintergrund Voland sitzend, aus der Tiefe steigen die Geister der Toten, um Margarita zu huldigen und auf der anderen Seite gehen die Lebenden den Weg alles Irdischen.“ [1]

Der Horizont des Bildes ist sehr weit oben angelegt, damit genügend Raum für die Schilderung des Magischen bleibt. Gegen den Himmel bildet der Künstler wie auf einem Zahlenstrahl signifikante Architektursymbole der Menschheitsgeschichte ab. Zuerst sehen wir die Pyramiden. Danach wird Golgatha mit der deutlich zu erkennenden Kreuzigungsgruppe flankiert vom Tempel in Jerusalem und dem päpstlichen Petersdom in Rom. Eine gotische Kathedrale steht neben einer zwiebelbekrönten orthodoxen Basilika. Links von der Huldigungsszene fügt sich das Lenin-Mausoleum ein, rechts steigt der Atompilz von Hiroshima über den Horizont. Den Abschluss bildet die Zerstörung des World Trade Center in New York.

Die Wanderung eines Liebespaares durch die Weltgeschichte finden wir auch im Drama „Die Tragödie des Menschen“ des Ungarn Imre Madács. Sie beginnt ebenso bei den Pyramiden und endet auch im harmonischen Ausklang des Futur. Das erlöste Paar von Bulgakow sehen wir abseits aller Turbolenzen unten rechts in der gemeinsam ersehnten Kellerwohnung im Abglanz des Huldigungsfeuers.

Im Unendlichkeitszeichen sind hinter Bischof und Papst auch Merkel und Sarkozy erkennbar. Vielleicht ist der nachfolgende Mann mit der erhobenen Hand der Künstler selbst, seine freundlich lächelnde Frau neben sich wissend. Das Leben bündelt ihren Gang durch den gotischen Torbogen einer Kirchenruine in den Untergrund. Von dort kommen sie wie aus einem Schacht der Moskauer Metro wieder in unser Blickfeld. In der Tiefe gewandelt treten die Frauen nackt und die Männer im Frack mit Zylinder im nun jugendhaften Auferstehungsalter der Königin entgehen.

Es wird von der Zeit und der Sehlust des Betrachters abhängen, wie intensiv er in dem Tafelbild flanieret. Nehmen wir einmal die steinernen Stufen für den schweren Abgang, die nur kurz an einem Bogen erkennbar werden. Dem gegenüber ist „Jakobsleiter“ für die nackten Füße der Damen aus schlanken Holzbrettern, die auf einer zeitgenössisch genieteten Eisenkonstruktion liegen. Eine illusionistische Arkadenreihung erinnert ein wenig an die Hochbahnbauten in Berlin. Doch statt satter Fundamente enden die Stützen als Spitzen und in den Bögen hausen garstige Ungeheuer.

Ebenso erzählerisch ist die Szene der Huldigung. Man suche nur nach dem menschgroßen Kater Behemoth, der im Buch in der Karwoche in Moskau erscheint und seine Späße treibt. Während die Frauen kniefällig vorbeikriechen gewährt die nackte Königin den Männern einen Handkuss. Doch sie schaut über die zu ihr Aufsehenden hinweg, während der Teufel hier alle seine Opfer in Augenschein nimmt. Nach dem Defilieren geht der Menschenstrom eben in jenen Himmel, der von der Atombombenwolke massiv verseucht ist.

Das Stück widerspiegelt die mehrheitliche Meinung der Moskauer, dass in diesem Staat der totalen Überwachung eine selbstgefällige, straff organisierte und auch sich selbst kontrollierende Bürokratie über die Einlieferung von Außenseitern in die zzPsychiatrie oder ein sibirisches Lager mit aller Härte entscheidet. In diesem Amtsgebaren war auch der Kommunist und Stalinfreund Heinrich Vogeler von Moskau ins entfernte Kasachstan geschickt worden und blieb dort ein Unbekannter bis zu seinem baldigen Tod.

[1] Katalog Worpswede-Moskau-Kasachstan, Erinnerungen an Heinrich Vogeler, Ein Projekt des Kunstvereins Worpswede e.V., Worpswede 2012, S. 32-35

Der Kuöhl-Brunnen vor dem Schkeuditzer Rathaus

Der eigentliche Grund für dieses farbenfrohe Tafelbild ist ein örtliches Jubiläum: 1913 wurde das Rathaus in Schkeuditz seiner Bestimmung übergeben.

Im Vordergrund ist der vom Maler erfundene Brunnen raumgreifend. Aus dem Rathaus windet sich ein drachenähnliches Gebilde aus grünen keramischen Platten. Im Hauptteil steigt aus einer lanzettförmigen Schale ein konkaver Schaft. Seinen oberen Abschluss bilden die Arme des zweiten Narren. - Drei Narren sind so eingeklemmt, dass wir nur ihre Köpfe sehen. Der erste Narr mit einer einfachen Schellenkappe ist ohne Ohren. Der zweite glotzt mit seinen Augen, die so groß wie die beiden Schellen der Narrenkappe geworden sind dafür fehlt ihm der Mund. Der dritte Narr hat einen großen wulstigen Mund, in dem die drei Schellen seiner Kappe nebeneinander Platz finden könnten, doch ihm fehlen die Augen.

Erinnern wir uns an die Mahnung des buddhistischen Gottes Vadjra:
nichts Schlechtes sehen – nichts Schlechtes hören – nichts Schlechtes sagen

Den Architekt des Rathauses Camillo Günther (1881 – 1958) schätzt man nicht in Schkeuditz. Den einfallsreichen Baukeramiker, heute würden wir ihn Designer nennen, Richard Kuöhl (1880 – 1961) braucht man nicht vergessen. Man kannte ihn auch vorher nicht. Dabei sind beide Sachsen, der erste aus Lauter im Erzgebirge, der zweite aus Meißen. Große Bauaufgaben führten beide nach Norddeutschland, dort finden sie noch heute ihre Anerkennung. Wolfram Knöfler setzt ihnen mit diesem Tafelbild ein Denkmal.

Vielleicht reiten die drei Narren auf einer Schlange? Der Vergleich mit der frühesten Darstellung einer Narrenkappe bietet sich hier an. In einem Kapitell des Klosters Maria Laach reitet Eva auf einer Schlange, deren Kopf den Satan mit einschelliger Kappe vorstellt. - Mit besonderer Freude sehe ich die mittige Ratskellerpforte. Der Maler lässt die Arkaden des Laubengangs frei schwingen und annulliert die unpassende Werbetafel eines übereifrigen Gastronomen als werkentstellend.

Ein Stillleben von 2013

Es ist schon wie im Fernsehstudio, denn durch das bewusste Verbergen von Fluchtkanten entsteht ein imaginärer Raum, der alle möglichen Relationen im Auge des Betrachters zulässt. Der Tisch ist nur in seiner Oberfläche angedeutet, die Ebene der Platte wird durch das gewellte Blatt Papier als eben empfunden.

Zuerst reizt uns der malerisch frei gestaltete Falter vor dem Glas. Bald aber ist es dieses braune Apothekerglas selbst, das die Korrespondenz zum Betrachter aufnimmt und seine Aufmerksamkeit fordert.

Der sicher auf seinem Kegelstumpf geschliffene Glasstopfen reflektiert etwas Oberlicht, während der Raum selbst nicht erhellt ist. Links laufen im Gefäß Lichtstreifen nach unten, rechts bilden sie gar die Kontur gegen das Dunkel des Zimmers.

Der Zierkürbis bietet dem Falter ein Eroberungsterrain. Beide sehen wir auf dem spiegelnden Frontglas des davorliegenden iPhones wieder. In den Verzerrungen ergeben sie einen neuen Bildgegenstand, ein grünes Froschmaul und einen grauen Mädchenakt vorgaukelnd.

Hinter den Bogen Papier reiht sich noch eine Obstschale. Sie lebt von regelmäßig verteilten weißen Punkten auf blauem Grund und bezeugt somit ihren Herstellungsort Bürgel in Thüringen. Drei Kugelfrüchte stehen vielleicht für Apfel, Apfelsine und Zitrone. Die Traube des Weins wird durch das konvexe Glas partiell verschieden vergrößert. Eigentlich sind nur zwölf Gegenstände auf dem Bild positioniert, die teilweise kognitiv für symbolische Deutungen brauchbar sind. Der Reiz des Bildes jedoch liegt in der ausgewogenen Komposition von Schichtung und Überschneidungen sowie in den Sicht- und Lichtbeziehungen der Sujets untereinander. 2014-02-22 GWFiedler

Beobachtung eines Niederganges, Öl, 2005

Die Bildthemen des Malers sind ebenso breit gefächert wie die Interessen des Menschen Wolfram Knöfler..

Seine die Tafelbilder verdichtenden Lebensweisheiten gehören ebenso dazu wie die politischen Betrachtungen über Deutschland.
Da wir diese Zeit selbst miterlebten, hat auch ein jeder seine eigenen Erfahrungen gesammelt und kann sie nun in die kognitive Interpretation einfließen lassen. Nur den Jüngeren werden wir erklären müssen, dass den schnell formulierten großen Hoffnungen auf Wohlstand und dem einhergehenden staatsbürgerlichen Stolz bald schon auf vielen Gebieten die Luft ausging.

Die DDR-Bürger konnten bis zum Mauerfall die Metapher aus den Werken von Wolfgang Matthauer und vielen anderen Malern der Leipziger Schule lesen. Unser Künstler weiß, dass der Kreis dieser Sehenden kleiner geworden ist. Aber er will nicht appellieren oder agitieren, sondern die Geschehnisse unserer Tage dokumentieren in der ihm eigenen Bildsprache.

Gegenüber dem Frühwerk des Meisters ist inzwischen eine deutliche Konzentrierung ins Thematische spürbar. Der hohe Anteil an optisch reizvoll gestalteten Flächen verschiebt sich immer deutlicher zu Sujets, in denen Klarsicht und Weisheit das Konzept der Bildmitteilung bestimmen.

Blick aus dem Fenster – 11:55 Uhr

Vorerst scheint es ein Meditationsbild zu sein, denn vor uns steht einladend ein Glas Rotwein auf der Fensterbank. Und hinter dem Glas spiegelt sich die kalte Welt. Doch kommen einige Irritationen ins Bild, die uns verunsichern.

Im Fenster spiegelt sich nicht nur das Rotweinglas sondern auch eine Weltkugel mit rot angezeigter Uhrzeit von 11:55. Diese Verwirrung lässt sich vielleicht mit einem uns im Rücken stehenden Fernseher erklären. Doch wie kommt dann der schwimmende Wels hinter die spiegelnde Scheibe. Wird es am Ende ein großes Aquarium sein? Vielleicht ebenso gespiegelt vom alten Nachtfernsehen des Landes Brandenburg?

Vielleicht kulminiert jetzt der Tag, vielleicht auch das ganze Jahr. Fünf-vor-Zwölf wird uns oft als letzte Spanne vor einem gravierenden Ereignis vorgegaukelt. Doch am Ende dreht sich die Welt ebenso weiter wie der Fisch weiter im Wasser schwimmt. Die Spinne über der roten Mondscheibe ist lange vertrocknet und der frisch verschüttete Rotwein wird seine Oberflächenspannung verlieren und auch eintrocknen.

Das Gemälde gibt uns manche Rätsel auf, erwartet aber keine Erklärung oder gar Einsicht in eine prekäre Situation. Haben wir die Flasche Rotwein geleert, dann sehen wir auf der Weltkugel eine Fratze mit roter Trinkernase und roten Lippen aber einem märchenhaft langem Kinn. Und die Laufspuren der Wassertropfen steigen zu aller Ironie nach oben. Manchmal verbinden sie sich zu einem Gespinst, das an die gestorbenen Bäume im Erzgebirge der Wendezeit erinnert.

Denken wir aber an die erlösende Kellerwohnung von Meister und Margarita in der Moskauer Innenstadt, so wäre es völlig normal, dass alles Gesehene nicht rationalen Gegebenheiten zuzuordnen ist. Auf jeden Fall ist diese Nachrichtenschau freundlicher als die täglichen Meldungen über Politik und ihre Folgen im Fernsehen.

Ich erzähle Ihnen, was mir das Knöflersche Kellerfenster vorspielt. Sie werden bald andere Schlüsse ziehen, denn es ist ja bereits 11:55 Uhr, zumindest im Bildtitel.

Implantia astralis, Mischtechnik, 2011, 130 x 300 cm

Eigentlich scheint es wieder eine der erzählenden Landschaften des analysierenden Malerauges zu sein. Auf dem bequemen Reiseweg führt er uns zu einem dicht bebauten Inselstaat. Am Straßenrand steht eine schöne Nackte, Schaumgeborene, einem Engel gleich. Doch ihr Partner ist ein transparenter Implantatschönling. Wie uns der Titel verrät, ist das großformatige Bild im Auftrag des Astra-Konzerns entstanden. Verständlich auch, dass die Komposition in einer Lobeshymne gipfelt. So ähnelt die Gestaltung der Nischenporträt dem Mount Rushmore National Memorial von John de la Mothe Borlum in South Dakota. Doch während der "Heiligenschrein der Demokratie" 1941 aus Geldmangel nach den Ausformungen der vier Köpfe abgebrochen wurde, zeigt Wolfram Knöfler hier gut gestaltete Porträtbüsten der Astra-"Heiligen". Stig Hansson als spiritus rector und weltweit gefeiertes Urgestein der modernen Implantatgestaltung und Jan Eirik Ellingsen, der die Osseo Speed-Oberfläche kreiert hat, bilden den Einstieg in das Geschehen. Vielfältige Gewindeuntersuchungen führten schließlich zum Astraimplantat mit den charakteristischen Gewebeanlagerungen, wie sie sich im Bild widerspiegeln. Rechts zeigt uns der Maler seine Sicht von Atlantis im Meer unserer Träume. Zwar umzieht ein Wehrmauergürtel die vier Tortenstückchen, doch die sich ergebenden vier Einfahrten sind breit und einladend für Fluten und Feinde. Dagegen ist die konkrete Schilderung des schwedischen Firmensitzes im dominanten Mittelteil wieder ernüchternd. Es holt uns mit seiner Landesfahne wieder in reale Wirklichkeit zurück. Der Ballon als Symbol für Wunsch und Sehnsucht zieht in die Zukunft. Das die Zähne und ihr Ersatz einen festen Halt im Knochen benötigen ist bekannt. In der Malerei erkennen wir nun einige bildkünstlerische Zusammenhänge von Material und Fügung, die Balance von Gewachsenem und Gefertigtem. Diese Symbiose von Beruf und künsterischer Aufgabe lebt von einer lehrbuchverachtenden Darstellung für uns Laien und will mit Freude und Phantasie über dieses Metier parodieren.

Dentale Vitalisation – Gedanken zur Enthüllung dieses Tafelbildes

Pegasus springt, mehr vom Wasserstrahl getrieben als aus eigener Kraft, über den menschenleeren Augustusplatz von Leipzig. Eine scheinbare Stadtansicht im breit liegenden Format liegt darunter. Im optischen Mittelpunkt des Bildes verliert sich die alles zentrierende Grimmaische Straße über Markt und Thomaskirchhof bis zum Hotel Kosmos am Ring.

Voller Spannung ist die rhythmische Einteilung der gesamten Fläche, denn zwei Vertikale signalisieren eine Dreiteilung im goldenen Schnitt: links der aufstrebende Obelisk des Mendebrunnens und rechts das Hochhaus der ehemaligen Kroch-Bank. Beide symbolisieren im Wortspiel auch Marken der jüngsten Stadtgeschichte. Der Brunnen von Frau Mende signalisiert auch die Wende als stille Revolution mit ihrem explosiven Gedankengut. Der Zeigefinger des einstigen Bankhauses erinnert uns damit an die neue Gründerzeit und den unausbleiblichen Gründerkrach der neunziger Jahre in Leipzig.

Auf diesem quasi formal-historischen Triptychon wird uns die „Geschichte der Gegenwart“ vermittelt. Der Augustusplatz behauptet mit der signifikanten Karikatur der Paulinerkirche seine Mittendominanz. Links sind die Auftraggeber vor ihrem neuen Praxengebäude auf Signalfahnen hervorgehoben. Auf dem rechten Flügel ist das Grassimuseum mit seiner schmückenden „Ananasstaude“ auf dem Dach nur angedeutet.

Der Eintritt in das Bild wird durch die ungewöhnliche Froschperspektive und die spiegelglatte Platzfläche gebremst. Die mittelalterliche Via Regia führte hier vom Hospitaltor über das Grimmaische Tor zum Ranstädter Tor. Die Straßenzüge waren gekrümmt und gewinkelt, um keine Sicht zum gegenüberliegenden Tor zu erlauben. Diese strategische Forderung wurde später in den großen Städten aufgehoben. Das Beispiel von einem Netz von Ring- und Radialstraßen des Baron Hausmann in Paris diente sowohl dem ästhetischen Wohlgefallen als auch der Verhinderung vom Barrikadenbau und Straßenkampf.

Der Maler Wolfram Knöfler begradigt in seinem Bild diese Ost-West-Magistrale und reiht die nennenswerten Gebäude zu einem nie gesehenen Prospekt aneinander. Wie auf der Bühne eines Kulissentheaters schiebt er die erzählenden Fassaden in die Flucht seines Boulevards. Der aufmerksame Betrachter sieht so hinter Bamberger & Hertz das Messehaus Handelshof, den Südgiebel des Alten Rathauses mit seinem Laubengang, den Neubau von Breuninger, die goldträchtige Commerzbank und sogar über den Ring das Hotel Kosmos.

Gen Süden behauptet sich die neue Universitätsfront des Erick van Egeraat. Im warmen Rot des Nachmittags reckt sich der Turm der alten Pleißenburg, jener Blickpunkt des Neuen Rathauses von Hugo Licht, schon im linken Teil des „Flügelaltars“. Das gespreizte Buch als Sinnbild der marxistischen Universität von Hermann Henselmann entworfen, führt als Element von Lehre und Forschung zu den Praxisräumen von Dentale.
Wie bei einem Huldigungsaltar sehen wir am linken Bildrand nun auf drei Agitationsfeldern den Schriftzug von DENTALE und die Stifter Dr. Barth und Dr. Ulrici. Doch bitten sie hier nicht um göttlichen Beistand, sondern schauen den Betrachter stolz an.

Mit gewaltiger Kraft entspringt ein Born, der den schweren Brunnenobelisk gen Himmel schießt und die geflügelten Pferde in großen Sprüngen zeigt. Der weiß erstrahlende Pegasus im Mittelfeld bringt mit einem Füllhorn auch fliegende Körper mit, die sich im rechten Tafeltrakt auf dem Gelände des Alten Johannes-Friedhofs platziert haben. Wie übergroße Aronstäbe stehen die imposanten Implantatformen der Zahnärzte und bilden so den thematischen Widerhall zur Praxenfront.

Den alten Leipzigern kommt vielleicht auch dabei der „hohle Zahn“ in den Sinn. Denn als 1943 die Stadt im Bombenhagel viele Baudenkmale verlor, war auch die Johanneskirche dabei. Die kommunistische Stadtleitung ließ das zerbombte Kirchenschiff niederreißen, den Turm mit all seinen Beschädigungen aber stehen. Die Städter fanden dann bald diesen einprägsamen Namen, der bei der Besprechung dieses Gemäldes ruhig genannt werden soll.
____________________________
Die Rede zur Enthüllung des Bildwerkes am 15. Mai 2013 wurde von Gerd W. Fiedler frei gehalten. Dieser Text ist eine profilierte Nachzeichnung der dort vorgetragenen sinnfälligen Erläuterungen und Hinweise. Sie wurden damals nicht mit dem Künstler abgestimmt und nur aus den Vorgaben des Bildes entwickelt.

26.05.2013 Gerd W. Fiedler

Leipziger Landschaften

Leipzig hatte einen zahlenmäßig hohen und schmerzlichen Verlust an reich gestalteten Wohnhäusern bis zur Wende zu verzeichnen. Manche Straßenzüge sahen wie nach dem Kriege aus, nur das diese Ruinen menschenfrei waren. Sie standen wie Denkmale, die sich mit der Natur und der Zeit verstritten hatten. Viele Künstler malten die alten Schönen, schnitten sie in Holz oder radierten sie auf großformatige Platten. Dieser Krebsschaden der DDR-Politik forderte die Künstler in Leipzig und Dresden, in Berlin und Potsdam gleichermaßen zur bildkünstlerischen Stellungnahme auf. Mit der Wende kam auch ein erlösendes Wiederaufbauprogramm für die Gebäude. Doch die vielen stillgelegten Fabriken ließen nun analoge Industriebrachen entstehen, die noch immer den Verlust der Arbeitsplätze im Osten bekunden. Wolfram Knöfler widerspiegelt erwartungsgemäß diese Entwicklungen in seinem OEuvre. Vordergründig sind diese Tafelbilder den Gesetzen der Farbenlehre und den Forderungen der Komposition unterworfen. Doch stehen beide hier im Einklang mit der dritten Aufgabe, der mahnenden Dokumentation zur möglichen Verbesserung des Stadtbildes. Bei der Seeburgstraße sehen wir ein großflächiges Signalgelb, das Achtungszeichen einer jeden Ampel. So klingt aus diesen Gemälden noch immer der gewandelte Ruf "Schaut auf dieses Haus!".

Kantate, Mischtechnik, 1979

Das Gemälde verfügt über ein freistehendes Kreuzrippengebilde. Es ist stets der Gewölbekappen und Wände entledigt und erscheint dennoch glaubhaft als statisch ausgewogenes Relikt eines Kirchenbaues. Die auskragenden Rippen für die Seitenschiffe sind in gleicher Höhe und Folge, deuten also auf eine sächsische Hallenkirche hin.

Die Rippenkonstruktion ist bei allen vier Varianten gleich, aber die Gewölbehöhen zeigen Unterschiede. „Kantate (1)“ ist steil aufragend während „Kantate 2“ einem Korbbogen nahekommt. Alle vier Gebilde stehen frei in einer Landschaft und zeigen links ein schneebedecktes Bergmassiv. Die „Thomaskirche“ hat in der Flucht den Aufriss von Osten und Westen parallel nebeneinanderstehend. Die anderen drei lassen den Langhausblick mit einem Orgelprospekt enden.

Die Besonderheit beim Tafelbild „Ausschüttung“ ist eine einfliegende Wolke, vielleicht der Ausgießung des Heiligen Geistes analog. Doch ihr Kopf besteht nicht aus sich verteilenden Zungen aus Feuer sondern aus gebündelten Implantaten. Hier siegt also nicht die christliche Ikonografie des Pfingstereignisses sondern die profane Sicht des gehobenen Dentisten.

In allen vier Sichtweisen ist eine überzeugende Monumentalität des fragilen Kirchenbaus dominant. Nur in der ersten Kantate ist ein agierender Mensch als Staffage hinzugefügt. Damit ergibt sich dort die Scheitelhöhe von etwa 24 m. In der Thomaskirche misst sie 18 m, in der Annenkirche in Annaberg 28 m und im Kölner Dom aber 43 m. Der klein wirkende Mensch im Gemälde „Ausschüttung“ wurde bei der letzten Übermalung vor dem Signieren entfernt. Alle vier Gemälde vermitteln Größe und Stabilität, zeigt aber auch die Vergänglichkeit von Bekenntnis und Material.

Seltsame Begebenheit - Auflösung einer Mauer, Mischtechnik, 1989

Das Bild spricht für sich und seine Zeit. Dabei entstand es noch vor dem Mauerfall und hing auch bereits im Sommer 1989 in einer öffentlichen Ausstellung in Leipzig. In dieser Zeit gaben Bürger der DDR noch ihre Ausreiseanträge ab, da sie keine politische Beweglichkeit des Staatsapparates und der SED sahen. Der zerbrochene Krug und der leere Stuhl zeigen metaphorisch diese Situation. Doch die schweren Betonmauerteile schweben schon und die Schlagbäume sperren nicht mehr.

Für die Bürger der DDR waren solche kritischen Hinweise in der Leipziger Bildkunst ablesbar und wurden auch gern als bildhafte Deutung einer unerträglichen Situation angenommen. Aber mit des Fuchses Schläue wurden sie auch bei parteilichen Rückfragen als bloße Darstellung von Gegenständen, als Beiwerk in einer Landschaft beschrieben. Die Handhabung der Kunstfreunde erinnert hierbei an die Leser der Fabeln von Äsop und Krylow, Gellert und Lessing.

Es ist bemerkenswert, das sich Wolfram Knöfler in seinen thematischen Bildern zunehmend verdichtend und deutend äußert. Die Spanne reicht dabei von persönlichen Erkenntnissen bis zu politischen Bewegungen. Lebenserfahrung und Altersweisheit finden sich immer öfter akkumulierend in seinen großformatigen Tafelbildern.

Stillleben mit Muscheln, Öl, Mischtechnik, 2014

Das Bild besitzt seinen außerordentlichen Reiz durch den Zusammenklang von Sujet, Farbkomposition und Rahmen. Hier malte der Künstler in den Rahmen und es bleibt zu hoffen, dass dieser Zusammenklang auch bei Verkäufen erhalten bleiben kann. Das Kabinettstück ist eine maltechnische Demonstration vom Setzen brillierender Weißflächen auf dunklen Grund. Die verlorene Perspektive in schwarzer Raumtiefe steigert besonders die plastische Wirkung von Licht und Schatten.

Die dominierende Cassis flammea zeigt sich mit der gezähnten Öffnung aggressiv. Im Gegensatz dazu vermittelt die Kammuschel (Pecten maximus), auch Jacobsmuschel genannt, in ihrer fein gegliederten Aufsicht wohl auch das Caritative des heiligen Pilgers. Bei solch einer intimen Kleinmalerei ist das Spazierenführen der eigenen Gedanken geradezu eine Forderung bei der Bildbetrachtung und übertragenden Wertung.

2004 Brücke im Wald – 1992 Lichte Momente

Eine Grisaille-Malerei, also von Graufarben gebildet, beherrscht dieses Nachtbild. Die zentrisch geführten Scheinwerfer leuchten eine Straße aus, die hier als Sinnbild verstanden sein will. Denn die beiden nicht dem Standard entsprechenden Baken vor einem nicht sichtbaren Bahnübergang sind ebenso symbolisch gesetzt wie die Geländer der Brücke. Das Asphaltband reflektiert die gebündelten Strahlen bis zur Aufsichtsgrenze. Dann zeigt sich ein dunkles Mittelfeld, dass durch die rahmenden nackten Baumstämme nur noch gespenstiger erscheint.

Die Flüchtigkeit des Sehmoments scheint hier als Umkehrung von der Gunst des Augenblicks. Das zum Endziel strebende Fahren des Wagens zentriert die Gedanken des Fahrers und die des Bildbetrachters gleichermaßen. Bert Brecht sprach einst von den Mühen der Ebene. Hier werden sie noch durch den dunklen Fonds gehöht und die silbrig reflektierenden Baumrinden spießen, Gabeln gleich, in dieses gebrochene Schwarz.

Sechs Jahre früher schuf der Künstler das formal vergleichbare Bild „Lichte Momente“. Doch es lebt von anderen Werten. Die Bäume streben leicht nach oben und bilden in ihren Freiflächen scheinbar Frauenleiber. Und das über dem Weg sich schließende Zweigwerk gleicht einem spätgotischen Rippengewölbe. Auch hier gibt es nur Grautöne, aber die gerundete Mitte, einem Kopfprofil gleichend, ist vollends weiß belassen.

Ich stelle beide Reproduktionen nebeneinander auf den großen Monitor. Erst zeitlich nacheinander sehe ich vom überblendeten Ziel in die ungewisse Schwärze. Dann tausche ich die Folge und komme nach dieser anstrengenden Nachtfahrt in den von schönen Frauen umspielten hellen Raum.

Niemand wird die beiden Bilder nebeneinander hängen können. Und doch lassen sich Mitteilung und Symbolik desselben Sujets so leichter erkennen und erklären.

Über den Wolken, 2009

Seine für sich selbst gesammelten Erlebnisse und Erfahrung kann der Kunstfreund hier widerspiegeln. Die Bandbreite reicht von der Landschaft aus großer Flughöhe bis zur dramatischen Lösung eines Konflikts im seelischen Bereich, vom differenzierten Farbgemenge während eines sich verändernden Prozesses bis zur Dokumentation einer Umweltkatastrophe. So sind die Werke des Wolfram Knöfler malerisch eingefangene Denkwürdigkeiten.

Nachbemerkungen

Die Texte sind von Gerd W. Fiedler aus Leipzig als begleitende Erklärungen und zusätzliche Informationen gedacht. Sie beziehen sich wahlweise auf den Anlaß, den Bildgegenstand, die verwendete Technik und manchmal auch auf den derzeitigen Standort.

Kognitive Beigaben zum Zeitgeschehen oder Hinweise auf eine direkten Anfertigung für eine Ausstellung werden angegeben.

Der Ausstellungskurator Gerd W. Fiedler beschäftigt sich seit 2011 mit dem Werk von Wolfram Knöfler. Seitdem betreute er auch seine Einzelausstellungen in Dresden (2012), Leipzig (2011, 2013) und der Wahlheimat Schkeuditz (2013).